Ruinen von Theben (Lithografie von David Roberts)

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, besichtigten wir noch einmal den großen Karnak-Tempel im Herzen von Luxor. Am Eingang erwartete uns die gleiche Prozedur wie am vorigen Abend: Taschenkontrolle durch die Touristenpolizei. Glücklich war, wer nur ein kleines Täschchen dabei hatte oder nur den Fotoapparat, er konnte ungehindert passieren. Pech für einige, die ihre riesige Fotoausrüstungstasche oder gar den Rucksack mit sich schleppten. Sie mussten den Inhalt kontrollieren lassen.

heutiger Haupteingang vor dem I. Pylon mit widderköpfiger Sphingenallee

Tribüne am Ostufer des Heiligen Sees für Sound & Light

Die Tempelanlage von Karnak ist das größte erhaltene Heiligtum aus dem alten Ägypten. Aber, anders als in christlichen Kirchen, hatten nur die Priester und der Pharao Zutritt zu dem Heiligtum. Das Volk betete draußen in den Vorhöfen. Der Pharao war Vermittler zwischen den Göttern und dem Volk, höchster Priester und zugleich Staatsoberhaupt. Seine Verehrung für die Götter bezeugte er, indem er Tempel bauen ließ und den Göttern Opfer darbrachte.  Die Tempelpriester waren die Stellvertreter des Königs. Pompöse Feste wurden das ganze Jahr über zu Ehren der Götter veranstaltet. 

Heute befindet sich die ausgedehnte Tempelanlage inmitten des ehemaligen Dorfes Karnak, welches schon lange zu einem Stadtteil des heutigen Luxor geworden ist. Der Name Karnak ist arabisch und bezieht sich auf den von Mauern umgebenen Tempelbezirk. Das Wort „al-Karnak“  bedeutet noch heute in einem lokalen Dialekt des Sudan soviel wie "befestigtes Dorf".  (Quelle: KEMET 1/2001)

Im 19. Jahrhundert war die gigantische Anlage ein Trümmerfeld. Aus den Schuttbergen ragten nur vereinzelt Säulen hervor und in den Höfen hatten die Bewohner Luxors Lehmziegelhäuser gebaut. Seit dieser Zeit wurde mit allen Mitteln der Technik die gesamte, weitläufige Anlage von Karnak von den Archäologen gesäubert und die umgestürzten Säulen wurden wieder aufgestellt.

Zwischen diesen gigantischen Säulen kamen wir uns so richtig klein vor und mir fiel der Ausspruch von Giovanni Battista Belzoni, dem italienischen Abenteurer und Ausgräber (Wiederentdeckung des Eje-Grabes 1817) ein, als er zum ersten Mal im Juni 1816 die Ruinen von Theben erblickte:

 

".....ich hatte den Eindruck, als beträten wir eine Stadt von Riesen, die nach langem Kampf alle untergegangen waren und nur die Trümmer ihrer verschiedenen Tempel hinterlassen hatten ,als Beweis ihrer einstigen Existenz."

Diesen hatte ich vor einiger Zeit in einem Buch gelesen und er hat mich sehr beeindruckt.

 Obelisk der Pharaonin Hatschepsut

 Gigantische Papyrussäulen füllten den Raum der Großen Halle

Die "heilige" Stadt von Karnak war von einer Ziegelmauer umschlossen. Im Inneren standen mehrere wichtige Gebäude. Wichtigstes Gebäude war der große Amun-Tempel, an dem von der 12. Dynastie bis in die ptolemäische Zeit gebaut wurde.  Zahlreiche Bezirke befinden sich auf dieser 1,5 x 0,8 km großen, aus verschiedenen Epochen stammenden Ruinenfläche. 

Kein anderer Ort, den wir während unserer Nilkreuzfahrt besuchten, machte einen so nachhaltigen Eindruck auf mich, wie dieses offensichtliche Chaos aus Säulen, Mauern mit Reliefs,  Statuen, Obelisken, Stelen und mit Hieroglyphen und Malereien versehenen Blöcken.
Vor allem zu Beginn der 18. Dynastie, als Theben die Hauptstadt des ägyptischen Reiches war, wurde in Karnak etwa 200 Jahre lang abgerissen, neu- oder umgebaut. Am größten und wichtigsten ist der mittlere Gebäudekomplex, der zwischen dem II. und III. Pylon steht: das Heiligtum des Amun.

Wie eine spitze Felsnadel erstreckt sich dieser Obelisk in den Himmel

Statue des Gottes Amun zwischen den Säulen der  großen Halle

Der heutige Haupteingang des großen Amun-Tempels wird von einem gewaltigen Pylon gebildet (wie die Torbauten von den Griechen genannt wurden), der die Umfassungsmauer des Amun-Bezirkes von Karnak durchschneidet. 7 weitere Tore sind in die Mauer eingelassen, eines im Norden, je zwei im Süden und Osten sowie 2 im Westen.
Diese Umfassungsmauer, in ihrer heutigen Form, wurde von König Nektanebos I., einem der letzten einheimischen Pharaonen erbaut (30. Dynastie). Nektanebos I. war auch der Erbauer des heutigen 1. Pylons, den er als Ausdruck seiner Verehrung für den Reichsgott Amun errichten ließ. Der riesige Pylon, der den neuen Haupteingang des Heiligtums bildete, war imposanter als alle bisherigen. Seine Fassade ist insgesamt 113 Meter breit. 

Umfassungsmauer des Amun-Bezirkes in Karnak

1. Pylon mit Blick auf Taharqa-Säule

Hier, im Eingangsbereich vor dem I. Pylon, begann unsere Besichtigungstour durch den Karnak-Tempel. Links und rechts säumten widderköpfige Sphingen den Aufweg zum Haupteingang, deren Ebenbilder wir auch im großen Festhof hinter den I. Pylon vor den Bubastidenhallen entdeckten. 

Luftansicht des Festhofes mit Säule des Taharqa

Widderköpfige Sphingen-Allee vor den Bubastidenhallen

Wir durchschritten den monumentalen I. Pylon.  Vor uns öffnete sich ein großer, weiter Hof, der beidseitig von Kolonnaden und, der Tempelachse folgend, vom II. Pylon an der Ostseite begrenzt wurde.

Auffällig war hier an der Rückseite des Südflügels des 1. Pylons ein Steinhügel,  welcher nach der Erklärung unseres Reiseführers das verwitterte Baugerüst aus ungebrannten Nilschlammziegeln  war. 
Diese antike Rampe wurde für die Platzierung der Steine benötigt und soll mindestens 34 Meter hoch  gewesen sein. Zu dieser Erkenntnis kam man nach der archäologischen Freilegung und anschließender Abtragung des ehemaligen Arbeitsgerüstes. Ein Teil der Rampe ist am südlichen Pylonflügel im großen Festhof noch gut zu erkennen, wie man auf dem unteren rechten Bild sehen kann.

Rund 100 Jahre nach der Errichtung des II. Pylons erbaute Pharao Sethos II. (19. Dynastie) ein Stationsheiligtum für die Barken der Göttertriade Amun, Mut und Chons, das sich heute in der Nordwestecke des Festhofes befindet. Diese Barkenstation besteht aus drei parallel zueinander angelegten Räumen und ist sehr gut erhalten, weil sie seit der Antike von der Baurampe des I. Pylons bedeckt war. Ursprünglich war der Eingang zur mittleren Kultkammer von zwei Statuen des Königs flankiert, von denen eine sich heute im Ägyptischen Museum in Kairo und die andere im Louvre in Paris befindet.

Stationsheiligtum des Sethos II. im großen Festhof

Baurampe an der Rückseite des I. Pylons

Pharao Taharqa, ein König der 25. Dynastie, bereicherte den großen Festhof durch einen monumentalen Kiosk, in dem sich der Ruhealtar aus Alabaster für die Götterbarke des Amun befand. 
Dieser Kiosk bestand aus 10 fast 20 Meter hohen, herrlichen abgedrehten Papyrusbündelsäulen, mit weit geöffnetem Kapitell von denen heute nur noch eine einzige an ihrem Platz steht.

Der große Festhof hat eine Grundfläche von über  8000 m2 und  ist damit die größte uns bekannte Anlage dieser Art. Ausgrabungen ergaben, dass der Boden des Festhofes mit Pflastersteinen  belegt war. 

Die beiden Stationsheiligtümer aus der 19. und 20. Dynastie (Sethos II. und Ramses III.) flankierten den Prozessionsweg, der von einer aus 120 Widdersphingen bestehenden Allee aus der Zeit von Ramses II. gesäumt wurde. Ein Teil dieser Sphingen, die  von einer Kaianlage vor dem östlichen Haupteingang des Tempels,  bis  zum II. Pylon standen und zwischen den Pranken eine kleine Statue des Königs hielten, musste wohl der Einrichtung der Taharqa-Kolonnade im Zentrum des großen Festhofes weichen.
Sie wurden vor dem südlichen Portikus der Bubastiden (kollektive Bezeichnung nach den Herrschern der 22. u. 23. Dynastie, die dem Chronisten Manetho zufolge aus Bubastis stammten) aufgestellt, wo sie auf ihre Wiederverwendung warteten - dort stehen sie noch heute!

zurück                 home          
                                                                                                  

Einleitung         Sitemap


Karnak-Tempel
 2. Teil

Nefers Gästebuch