Tal der Könige

Grabliste Tal d. Könige

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Totenkult:

Für die Ägypter war die Ruhestätte nach ihrem Tode nicht einfach nur ein Grab, sondern sie betrachteten es als eine Wohnung für das Jenseits, d. heißt, der Verstorbene benötigte für sein  Leben im Reiche des Osiris die gleichen Dinge, die ihm im Diesseits das Leben angenehm machten.

Eine der wichtigsten Aufgaben des Pharaonenkultes, war die Errichtung eines Grabes an einem Ort, wo die Umwandlung und Wiedergeburt des verstorbenen Königs vorgenommen werden sollte. Schon im ersten Jahr der Regierung begann man mit der Suche nach einer geeigneten Stelle für das Grab. Es wurde schon zu diesem frühen Zeitpunkt festgelegt, wie die architektonische Gestaltung und die Themen für die Dekoration auszusehen hatten. Der Gestaltungsplan des Königsgrabes wurde von den Priestern erstellt. Texte und Dekorationen an den Wänden hatten ihren Ursprung vor allem aus dem Amduat, dem Pforten- und Totenbuch sowie aus der Litanei des Re.  
Dann begannen die Baumeister und die Handwerker mit der Ausschachtung des Grabes. Im Neuen Reich lebten die Arbeiter im Dorf von Deir el-Medina. Der Gemeinschaft von Handwerkern und Arbeitern nebst ihren Familienangehörigen, die hier lebten, ging es gut. Für ihre Arbeit wurden sie fürstlich belohnt. Es gab sogar Sonderzuteilungen für herausragende Leistungen in Form von Lebensmitteln und zusätzlicher Kleidung.

Wenn ein Herrscher starb und der Wesir den Menschen die alte Formel: " Der Falke ist zum Himmel geflogen," zurief, trauerten die Bewohner von Deir el Medina nicht, sondern es gab ein großes Fest. Der Tod eines Pharaos bedeutete für sie Sonderrationen: Fleisch und Sesamöl, Salz und bei guter Leistung auch neue Leinengewänder. Es galt nun, ein neues Königsgrab in den Felsen zu schlagen, denn der erste Befehl eines neuen Pharaos lautet: Baut mir ein Königsgrab

Von der Lebenszeit des jeweiligen Pharaos hing es ab, wie groß und umfangreich die Grabanlage wurde. Je länger der Pharao regierte und lebte, desto vollkommener und größer wurde das Grab angelegt. 

Metallmeißel,  hölzerner Hammer, Lot zum Ausrichten der Wände in die Horizontale
und Bürste - Werkzeuge zum Ausschachten
 der Gräber und Gestaltung der Wände.

Deir el-Medina - das Dorf der Arbeiter in einem kleinen Tal  nahe dem Westhang der thebanischen Berge. 
(Bildquelle: Mutnedjmet)

Nur der weiche Kalkstein, der in den oberen Schichten der Felswände vorkam, war ideal für den Gräberbau. Traf man hingegen auf bröselige oder extrem harte Felsformationen, war das ganze Unternehmen gefährdet. Wenn man allerdings auf Schiefer stieß, musste der Bau aufgegeben werden und an einer anderen Stelle im Tal neu angefangen werden.

Mit einfachsten Hilfsmittel und purer Muskelkraft brachen die Arbeiter große Kalksteinbrocken aus der massiven Felswand. Diese Arbeit bei mörderischer  Hitze war Schwerstarbeit, denn je tiefer man vordrang, desto schwieriger war es, die vorgegebene Richtung zu halten. Es ist nicht leicht, eine gerade Linie beizubehalten  und dazu noch horizontal zu graben. Die ägyptischen Arbeiter benutzten dazu nur das Sengblei, ein Winkelmaß und eine Schnur und schufen mit diesen primitiven Hilfsmitteln Monumente von großer Schönheit und verblüffender Genauigkeit. Für das Ausschachten der Gräber und die Gestaltung der Wände wurden hölzerne Hammer und Metallmeißel benutzt. Die Oberaufseher protokollierten sorgfältig, welcher Handwerker und Arbeiter welches Werkzeug erhalten hatte. Besonders wertvoll waren im alten Ägypten Kupfermeißel. Ein einziger Meißel kostete damals genauso viel wie der Monatslohn eines Arbeiters.

Für ihren gehobenen Sonderstatus "bezahlten" die Arbeiter von Deir el Medina allerdings einen hohen Preis. Sie lebten in Isolation ohne Kontakt zur Außenwelt. Dieses war nötig, um die Geheimhaltung bei der Errichtung der königlichen Gräber zu gewährleisten. Darüber hinaus wurden sie von speziellen Wachmannschaften kontrolliert, den "megialu". Diese waren außerhalb des Dorfes stationiert und ihre Aufgabe war die Bewachung der Totenstadt.

Bis zum Ende der XX. Dynastie war das Arbeiterdorf Deir el Medina bewohnt und dann von seinen Bewohnern verlassen, weil die Pharaonen nicht mehr im Tal der Könige beigesetzt wurden. 

Die Ausgrabungen in dem Arbeiterdorf durch Ernesto Schiaparelli (Ägyptisches Museum Turin) am Anfang dieses Jahrhundert, legten das Arbeiterdorf und die angrenzende Nekropole frei. Dadurch wurde es möglich, einen genauen gesellschaftlichen Einblick in das Leben dieser Arbeitersiedlung zu bekommen.

Für den verstorbenen König stellten sich zahlreiche Hindernisse in den Weg, bis er in das Reich des Osiris gelangte. Das ewige Reich wurde durch die Grabkammer symbolisiert. Verschiedene Zauberformeln aus den Unterweltbüchern sowie freundliche Gottheiten halfen dem Verstorbenen die unterschiedlichen Prüfungen zu bestehen.
Alle Darstellungen an den Wänden und Decken des Grabes hatten somit eine besondere religiöse Bedeutung. Selbst die unterschiedlichen Farben für die Abbildungen hatten ihre eigene Bedeutung und folgten ursprünglich einem genauen Farbschema. Jedoch unterlag diese Regelung wie vieles andere auch, dem Wandel der Zeit.  Rot und Blau waren die am meisten benutzen Farben: 

Farbe

   Herstellung

Bedeutung

Besonderheiten

weiß

Kalziumcarbonat u. Gips Silber - Erleuchtung,
aber auch die Farbe Oberägyptens.
wurde oft als Hintergrund verwendet

blau

synthetisch hergestellt aus einer Mischung: Kupfer, Salz, Kalzium und Sand, Azurit (Verwitter-Produkt von Kupfersulfid)

Farbe für den Himmel und die himmlischen Götter wie z. B. im NR Farbe für Amun Wunde meist in einem synthetischen. Verfahren hergestellt und bei 700 Grad C. erhitzt, vermischt mit Natrium u. Salz

schwarz

Kohle Verdammnis u. ewiges Leben, Farbe der Unterwelt.  

rot

aus zerkleinerten rotem Ocker Blut und Feuer, Farbe des Gottes Seth und der Wüste kam in den Bergen von Theben vor

grün

Kupfer u. Malachit Wiederherstellung - Farbe des Gedeihens durch Synthese künstlich gewonnen.

gelb

ockergelb Symbol für das Fleisch der Götter und Farbe Gold wurde auch als Hintergrundfarbe verwendet.

(Tabelle erarbeitet aus mehreren Beiträgen des Ägyptologie-Forums)

Zwischen dem Zeitpunkt des Todes des Königs und der Bestattung lagen normalerweise meist 3 Monate. Ein kompliziertes Ritual schrieb genau die Handlungen und die Dauer der Einbalsamierung des Leichnams vor.

Dem Verstorbenen wurden unter Aufsicht des "Hüter des Geheimnisses", dem Balsamierungspriester mit der Maske des Schakalgottes Anubis, die Organe entnommen. Dann legte man den toten Pharao zwecks Entwässerung  des Körpers in eine Natriumlösung, in der er 70 Tage bleiben musste. Danach wurde der Verstorbene  mit verschiedenen Schichten aus dünnen Leinenbinden umwickelt, in die an genau festgelegten Stellen Amulette gelegt wurden. Besonders das Anchzeichen war bei den Ägyptern beliebt, denn es bedeutet Leben. Zusätzlich legte man ein magisches Papyrus für das sichere Geleit  in die Welt des Jenseits unter die Binden. Mit einer zweiten Schicht aus mit Harz und aromatischen Ölen getränkten Binden wurden diese Leinenbinden bedeckt.
Nur, wessen Leib unversehrt ins Jenseits wechselte, konnte dort wiederauferstehen.

Um den Verstorbenen im Jenseits wiederzuerkennen, wurde ihm eine Maske mit seinen idealisierten Gesichtszügen über die Mumienbinden aufgesetzt.

Die berühmte Totenmaske von Tutanchamun war aus Gold und mit Edelsteinen und blauem Glas besetzt. Da der Verstorbene im Jenseits eine ähnliche Lebensform wie die Götter erreichte, deren Fleisch einem Mythos zufolge aus Gold, ihr Haar aus Lapislazuli und die Knochen aus Silber bestanden, wurde versucht, das Aussehen des toten Pharaos ihnen anzugleichen. Blaues, pulverisiertes Glas oder blaue Farbe diente als Ersatz für das sehr teure Lapislazuli.

Nach drei Monaten wurde der Verstorbene nach ausgedehnten Feierlichkeiten im Tempel mit einer Prozession, vom königlichen Palast ausgehend über "die Strasse, wo Re steht" in den Westen von Theben, in das Tal der Könige gebracht. Ausgewählte Männer zogen über viele Kilometer den schweren Mumiensarg durch die glühende Steinwüste zum "großen Platz", wie das Tal damals von den Einheimischen genannt wurde. Ebenfalls mit in das Grab genommen wurden rituelle Gegenstände, massive Truhen aus Edelholz und lebensgroße Statuen und viele auserlesene Kostbarkeiten, die der Verstorbene mit ins Reich des Osiris nahm, in die Welt des Jenseits.

vergoldete Thronsessel Thutanchamun
- Nationalmuseum Kairo -
(Bild: Andre Kottlewski)

Ritualbett aus dem Grab Tutanchamuns
-  Nationalmuseum Kairo -
(Bild: Andre Kottlewski)

Der oberste Priester in der Gestalt des schakalköpfigen Gottes Anubis führte die Prozession an. Andere Priester verbrannten Weihrauch und sangen Litaneien. Schreiende und weinende Klageweiber folgten dem Trauerzug.

Vor dem Königsgrab vollzog der Hohepriester oder manchmal auch der neue Pharao das Ritual der "Mundöffnung", damit der Verstorbene im Jenseits wieder essen und trinken konnte. Diese Zeremonie gab dem toten Pharao seine Identität wieder und seine Seele kehrte zurück in den leeren Leib, damit der Körper für ein neues Dasein im Jenseits neu belebt wurde.  An der nördlichen Grabwand des Grabes von Tutanchamun (KV 62) zeigt die untere rechte Szene das Ritual der "Mundöffnung", welches hier von seinem Nachfolger Pharao Eje vorgenommen wird.

Mumie Ramses II. (Museum Kairo)

das Ritual der Mündöffnung
 im Grab von Tutanchamun

Die Ägypter stellten sich das Jenseits vor wie das Diesseits. Uschebtis - kleine Diener - sollten im Jenseits lebendig werden und für das Wohl des Pharaos sorgen. Jedes einzelne der Figürchen war mit einer Inschrift versehen:  

                                     "Wenn du mich rufst, bin ich zu deinen Diensten!"

Diener des toten Pharaos - sogenannte "Uschebtis"

 Uschebtis Tutanchamun

Die letzten Rituale wurden vollzogen, erlesene Speisen, Brot und Früchte sowie Bier, Wein oder Säfte dem Verstorbenen mit auf den Weg gegeben, ausgesucht für ein Festbankett nach der Wiedergeburt. 

Dann wurde die Mumie in die eigentliche Grabkammer getragen und in ihren steinernen Sarkophag gelegt, der anschließend mit einem schweren Deckel verschlossen wurde, der meist mit einem Hochreliefabbild des Verstorbenen dekoriert war. Sobald das Grab einmal verschlossen war, durfte niemand mehr  hinein. Die Verehrung des toten Königs erforderte niemals eine Rückkehr zum Grab, sondern wurde von den Priestern in den "Schlössern der Millionen Jahre", den Totentempeln vorgenommen. Hier war der tote König mit dem Gott Amun verbunden und der Ewigkeit!

Gräber im Tal der Könige

"Sei gegrüßt, Osiris, und erhebe dich
in deiner Macht und in deiner Stärke,
dass du mächtig bist in Rasetjau
und stark bist in Abydos!
Du fährst dahin zum Himmel mit Re, dass du alles Volk erblickst."
-
Spruch aus dem Totenbuch - 

(Rasetjau oder Rosetau bedeutet wörtlich: " Ort des Treidelns" und es ist ein Teil des Totenreiches. Im Jenseitstext des Amduats ein  dem Sokar geweihter "Sandort" der vierten und fünften Nachtstunde, durch den das Schiff des Sonnengottes getreidelt (gezogen) werden musste. - 


Tal der Könige - die meisten Könige des Neuen Reiches wurden hier bestattet.


Insgesamt 62 Felsgräber haben die Forscher bisher im Tal der Könige entdeckt. Aber nur 20 davon sind Königsgräber. Viele Gräber wurden nicht fertiggestellt, sei es, weil man auf unbrauchbare Felswände stieß oder weil der Pharao frühzeitig vor Fertigstellung seines Grabes verstarb und das unfertige Grab aufgegeben wurde. Einige Gräber wurden auch für Angehörige der königlichen Familie benutzt. 

Im Allgemeinen sind für die Öffentlichkeit  nur wenige Gräber zugänglich. Einige von ihnen sind allerdings für die notwendigen Renovierungsarbeiten geschlossen. 

Durch das trockene Klima in Ägypten begünstigt, blieben die herrlichen Farben der Bilder in den Gräbern hervorragend erhalten. Die Jahrtausende konnten den Grabmalereien relativ wenig anhaben, aber durch den Touristenansturm der letzten Jahre sind sie nun mehr und mehr bedroht!

der falkenköpfige Gott Horus nimmt Nefertari bei der Hand (Grab der Nefertari im Tal der Königinnen (QV66)

Gott Anubis nimmt Haremhab an die Hand, dem hier das göttliche Zepter und das Anch (Henkelkreuz) überreicht werden. 
(Grab des Haremhab KV57)

Jedes der Gräber im Tal der Könige besitzt einen komplexen Grabplan und eine besondere Gestalt. Der charakteristische Achsenknick dieser Gräber könnte möglicherweise die gewundenen Pfade der Unterwelt symbolisieren. Gleichbleibende Elemente sind aber die Treppe, die hinab in die Tiefe führt, der abfallende Korridor, der zu den Hallen führt und die Grabkammer für den Sarkophag. 

Auf einer Papyrusrolle wurden Grundriss und Aufriss des geplanten Grabes verzeichnet mit genauen Angaben über Länge, Breite und Höhe der Räume. Außerdem wurde die genaue Funktion und die beabsichtigte Dekoration aufgezeichnet. Auf diesen Papyrusfragmenten (Museum von Turin - Plan des Grabes von Ramses IV.) erfahren wir die ägyptischen Namen der einzelnen Grabräume. 

die Korridore                       =  "Gottesgang" - (setja-netjer), Sonnengott Re. 
offene Zugang zum Grab     =  "erster Gottesgang des Re", der auf dem Weg des Licht ist.

der Schacht                          =  "Halle des Abschneidens" (o.ä.) durchschneidet die durch. Grabachse.

Sargkammer  mit Schrein   =   "Goldhaus" oder "die Halle, in der der tote König ruht."

Schatzkammern                   =   Kammer für die Beigaben

weitere Nebenräume

Die ersten Grabstätten waren am Anfang noch sehr bescheiden und zeichneten sich nur durch ihre Lage und die für Königsgräber reservierte Dekoration aus. Im Laufe der Zeit wurden diese aber immer größer und prächtiger. Fürst Pückler-Muskau bezeichnete sie treffend als "Paläste der Unterwelt". Mit Beginn der 19. Dynastie versah man sämtliche Bereiche des Grabes mit Darstellungen und Abbildungen. Mit Hilfe dieser Dekorationen wurde für den Verstorbenen ein eigenes Jenseits erschaffen. Die Darstellungen symbolisierten die Unterwelt.

Später kamen Darstellungen aus dem Pfortenbuch (erstmals im Grab des Haremhab) dazu, wo über die Tore (Pforten) und ihre Bewachung durch Ungeheuer berichtet wird, die zu jeder Stunde dem Sonnengott den Weg versperrten und nur durch die richtigen Zaubersprüche überwunden werden konnten. Die Pharaonen der XX. Dynastie dekorierten ihre Gräber mit neuen, "moderneren" Motiven, wie Himmelsdarstellungen und Zeichnungen aus dem Höhlenbuch und aus dem Buch von der Erde. Hier taucht auch als zentrales Bildmotiv die Göttin Nut auf, die  an der Grabdecke als langgestreckte Doppelfigur den Kosmos (Himmel) symbolisiert).

Deckengewölbe der Grabkammer Ramses VI. - Szene aus dem Buch des Tages und der Nacht. Eine doppelte Darstellung der Göttin Nut erstreckt sich entlang der Hauptachse des Raumes.

Die Göttin Nut hebt die Sonnenscheibe aus den Tiefen der Unterwelt hinauf an den Himmel - Ausschnitt östl. Wand der Grabkammer Ramses VI.

Diese Darstellung kann man besonders schön im Grab des Ramses VI. sehen, wo das Deckengewölbe der Grabkammer Szenen aus dem Buch des Tages und der Nacht symbolisiert. Entlang der Hauptachse des Raumes sieht man die Darstellung der Göttin Nut, welche die Sonne am Abend verschluckt und am Morgen wieder auferstehen lässt.

Eine kurze Unterbrechung der Bestattung am "Platz der Wahrheit" erfolgte während der Regierung Echnatons und seinem direkten Nachfolger.

Diese kurze Unterbrechung trennte die Gräber in zwei Gruppen. Während die älteren Konstruktionen in der 18.Dynastie tief in den Fels hineingetriebene Schächte waren, deren Achse um 90 Grad nach rechts oder links abgeknickt bis zur Sargkammer führte, verliefen die  Gräber vom Ende der 18. Dynastie an bis zur 19. Dynastie geradeaus bis zur Grabkammer. Während der 20. Dynastie wird der Wandel zur linearen Entwicklung der Gräber entlang der Hauptachse noch deutlicher. Dieses scheint mit der Veränderung der religiösen Auffassung verbunden zu sein, denn der Aufbau des Grabes sollte die Bahn der Sonne widerspiegeln

Eine andere Theorie vermutet für die auffällige Veränderung im Grundriss des Gräber, die zunehmende Kollisionsgefahr bei der steigenden Anzahl der Grabbauten. Die früheren Anlagen waren L-förmig in den Fels gemeißelt. Nur wenige Generationen später änderte sich dieses und nun verliefen sie in einer geraden Linie. Damit wollten die Grabarchitekten Platz sparen, da es mit der Zeit ziemlich eng wurde im Tal der Könige. (Theorie nach Kent Weeks)

Grabgrundriss Amenophis II. , 
  L-förmiger Achsenknick 

gerader Grabverlauf der Anlage von Sethos I.

Ein weiteres festes Element des Königsgrabes ist seit Thutmosis III.  die Hinzufügung eines Schachtes (den sogenannten Ritualbrunnen). Bei Thutmosis III. ist der Schacht oder Ritualbrunnen 6 m tief. Er befindet sich im Inneren der Grabanlage, weiter hinten im Gang zwischen Treppen und der oberen Halle. Diese Halle besitzt zwei undekorierte Pfeiler, die die Grabanlage direkt mit der Sargkammer verbindet. Die genaue Bestimmung dieses Ritualbrunnens ist aber von den Experten noch nicht vollständig geklärt. Als eines der wenigen Elemente ist der Ritualbrunnen dekoriert, während die Korridore der Königsgräber bis zum Ende der 18. Dynastie völlig ohne Dekoration geblieben sind. Die Abmessungen des Schachtes sind unterschiedlich in den Gräbern. (Quelle: Erik Hornung - Das Tal der Könige/C.H.Beck - Wissen, München 2002)

Am Ende der 19. Dynastie verschwindet der Ritualbrunnen oder das Bauelement des Schachtes wieder aus den Gräbern.

"Der Zweck des "Ritualbrunnens", eine Konstruktion, die man in vielen Königsgräber findet, bildet den Gegenstand von Diskussionen. Es ist anzunehmen, dass diese Räume vor allem eine rituelle Bedeutung hatten. Es könnte eine Erinnerung an die Höhle des Sokaris sein, eines sehr alten Grabgottes und Beschützers des toten Königs."

Zitat:  Alberto Siliotti - Tal der Könige/ Karl Müller Verlag 2004, S. 30

Die Wandmalereien und Texte drehten sich im Gegensatz zu den Dekorationen in den Privatgräbern nur um die Zeit nach dem Tode. Eines der Themen war die Reise des Verstorbenen in das Reich des Osiris, dem Gott des Jenseits. Der Stil war verschieden und variierte zwischen Papyrusimitation und kunstvoll bemalten Flachreliefs. Die Grabkammer sollte das ewige Reich symbolisieren. Die Darstellungen und "magischen Zaubersprüche" an den Wänden und Decken sollten dem Verstorbenen bei der Fahrt durch die Unterwelt helfen und ihm die Stunden der Nacht ansagen oder ihn mit den Göttern vereinigen.

Die Darstellungen im Grab des Tutanchamun (Grab-Nummer: KV 62) an der Westwand zum Beispiel, zeigen ebenso wie im Grab seines Nachfolgers Eje, Ausschnitte aus dem Amduat, Erste Stunde. 

Im oberen Register hocken 9 Paviane mit Namen, von denen 6 in den beiden Gräbern (Tutanchamun und Eje) auftauchen. Sie haben die Beischrift: " Namen der Götter, welche der Großen Seele öffnen." Mit der großen Seele ist der Sonnengott gemeint. Die Aufgabe der Paviane ist es nun, ihm die Türflügel zu öffnen.

Im dritten Register hocken weitere 9 namentlich  gekennzeichnete Paviane, von denen ebenfalls nur 6 in den Gräbern wiedergesehen werden. Hier lautet die Beischrift: "Namen der Götter, die für RE musizieren, wenn er in der Unterwelt eintritt." 

(Quelle: Erläuterungen zusammengestellt von Michael Tilgner  - aus Erik Hornung: das Amduat, die Schrift des verborgenen Raumes, Wiesbaden 1963)

Für den Besucher im Tal der Könige erscheinen diese Bilder in den Grabanlagen sehr bizarr und ohne ein tieferes Eindringen in die altägyptische Religion ist es schwer oder sogar fast unmöglich, eine gewisse Vorstellung über die Bedeutung der Dekoration zu bekommen.  Noch vor der Entschlüsselung der Hieroglyphen durch Jean-Francois Champollion (1822), der insgesamt drei Monate im Tal der Könige verbrachte, hatte man geglaubt, dass die Texte u. Darstellungen über das Leben und Taten der Grabbesitzer berichtete.
Erst jetzt entdeckte man, dass es hier um die Verwandlung des Verstorbenen in eine andere Daseinsform geht und damit um eine Reise, die gleich dem Lauf der Sonne in die nächtliche Unterwelt hinabgeht, mit all ihren Schrecken und Prüfungen. Erst mit dem Bestehen aller Prüfungen konnte der Verstorbene neu geboren werden, aber nicht im diesseitigen Leben, sondern im Jenseits, im Reiche Osiris!

 

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