König Skorpion I. war ein Herrscher der prädynastischen Epoche ( Naqada III.a 2 - Zeit um 3150 v. Chr.), der zweifellos nach Ausweis der inschriftlichen Funde offenbar bereits überregionale Bedeutung hatte. 

Anhand der im abydenischen Grab U-j auf dem Friedhof Umm el Qaab gefundenen Grabbeigaben, ist ersichtlich, dass König Skorpion zweifellos über das gesamte nördliche Nildelta einschließlich des Deltas geherrscht haben musste. Darauf deuten Ortsnamen aus dem Delta hin, die anscheinend Tribute und Steuergüter von hier nennen. Außerdem weisen die Hunderte von Weinkrüge, die aus Kanaan importiert wurden und in drei Reihen in einem der Magazinräume lagerten, daraufhin, dass ein gut gehender Handel, der durch das Territorium Unterägyptens ging, jetzt fest in der Hand des oberägyptischen Königs lag. Skorpion I. war das Oberhaupt des Naqada-Reiches, das zwar kulturell ganz Ägypten eingenommen, aber noch keine politische Einheit hatte erreichen können.

Offensichtlich bestanden noch zahlreiche einflussreiche Delta-Eliten, deren Gegenwehr diese Einheit bislang verhinderten.

Eine Identifizierung dieses Königs Skorpions mit dem Stifter der berühmten Prunkkeule aus Hierakonpolis kommt aber kaum infrage, da die Keule wesentlich später anzusetzen ist, als das Grab U-j.

Die herausragende Bedeutung Skorpion ( I. ) in der Reihe der namenlosen vordynastischen Herrscher geht schon aus seiner zur damaligen Zeit außergewöhnlichen Grabanlage hervor.

In der Abfolge der Grabmäler des abydenischen Friedhofs U (nach Gundlach: Der Pharao und sein Staat) mit ihren Ein- oder Mehrkammer-Grabanlagen ist seine Grabanlage einzigartig, denn keine Grabanlage in der Abfolge in Friedhof U - weder vor noch nach ihm - bis zu Hor-Aha ist mit ihr vergleichbar.

Grabanlage in Abydos
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Friedhof U in Umm el Qaab -

 

Übersichtsplan Abydos - Friedhof U im Umm el Qaab

Bereits aus der letzten Kulturphase der prädynastischen Epoche ( um 3150 v. Chr. ) sind in Abydos mehrere mit Ziegel ausgemauerte Grubengräber bekannt, die offensichtlich der damaligen Elite vorbehalten waren. Dazu gehörte auch ein etwa 150 Jahre vor der Reichseinigung ( ca. um 3000 v. Chr. )  angelegtes großes Ziegelgrab mit der Bezeichnung U - J, das 12 Kammern umfasste und dessen Grabkammer 1,5 m tief in den Boden eingesenkt ist.

Hierbei wird bei der Architektur und durch den Grundriss der Anlage deutlich gemacht, dass es sich um die Relikte eines palastähnlichen Gebäudes für das "Jenseits" handelt. Der Tote sollte sich in seiner letzten Ruhestätte wie in seiner irdischen Wohnstätte aufhalten. Zahlreiche Funde, darunter auch die ältesten phonetisch lesbare Schriftzeugnisse und ein Szepter aus Elfenbein, belegen die Bestattung eines Herrschers der Dynastie 0. ( um 3050 v. Chr.), wohl mit Namen König Skorpion (I.).

Der Brauch, dem Verstorbenen ein ganzes Wohnhaus für das Jenseits bereitzustellen, schwindet in der weiteren Grabenentwicklung bis zur Reichseinigung, geht jedoch nicht gänzlich verloren. 1988 wurde dieses Grab am Südrand des Friedhofs - U durch das DAIK unter der Leitung von Günther Dreyer entdeckt und untersucht.

Das abydenische Grab U-j war ein vollständiger Jenseits-Palast mit Türen, Magazinräumen und Schlafkammern für den verstorbenen König

Es fanden sich Anhängetäfelchen aus Bein, die aufgrund der Datierung des Grabes um 3320 v. Chr. zu den ältesten Schriftzeugnissen der Menschheit gehörten (siehe Göttinger Misszellen 181 - Jochen Kahl) Da die weitere Entwicklung des Friedhofs U nahtlos zu den dynastischen Königsgräbern in Friedhof B führt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass hier nicht nur einige, sondern die gesamte Folge der Vorgänger der Könige der Dynastie O bestattet war. Nach der C 14 Datierung liegen zwischen den Gräbern U-j und B 19 ( Hor Aha) ca. 150 Jahre, Periode Naqada III.a 2. Datierung um 3150/4200( 3250 v. Chr.

Bei der Grabbau selber handelt es sich um eine außergewöhnliche Anlage auf dem Elite-Friedhof U. Schon die Größe des mit Ziegelausmauerung ( Innenmaße Oberkante insgesamt ca. 9,10 m / 9,90ß m x 7,25 / 7,15 m bei einer Tiefe von 1,55 m ) versehenen Grabbaus ist erstaunlich. Dazu gehört auch der unerwartet differenzierte Ausbau, denn insgesamt umfasst die Anlage ca. 55 Quadratmeter.

Die sich an der Längsseite im Westen befindliche Grabkammer nimmt die ganze Breite des ursprünglichen Grabbaus ein. An ihrer Breitseite schließt sich ein Baukomplex mit neun Räumen an, die untereinander mit der Grabkammer durch Schlitze verbunden sind und die Türen symbolisieren sollen. Später wurden längsseitig an diesen Komplex noch zwei rechteckige Vorratskammern angefügt und damit besteht der Grabbau aus 12 Räumen.

Dieses Grab ist nicht nur ein Haus, sondern ein vereinfachtes Modell des königlichen Palastes mit Fenstern, Türen, Magazinen und Schlafkammern. Die große zentrale Kammer mit sieben Durchlässen dürfte einer großen Halle oder Hof entsprechen.

Glückliche Umstände haben große Teile der ursprünglichen Grabausstattung bewahrt. In der Grabkammer fanden sich die Spuren eines großen Holzschreins. Der spektakulärste Fund in der Grabkammer war ein Heqa-Szepter ( hp-Szepter) jener Art, wie es später zu den königlichen Standart-Insignien gehörte. Das Szepter besteht aus Elfenbein und misst 33,5 cm in der Länge.

Ein Szepter aus Elfenbein aus Grab U-j , Friedhof U-j

Des weiteren fanden sich zahlreiche Gefäße mit Beigaben und Stäbe aus Elfenbein. Der Name Skorpion taucht in Tintenaufschriften auf mehreren Hunderten Töpfen mit Wellengriff auf, die sich in zwei Kammern befanden. Deshalb liegt die Annahme nahe - wie auch Günther Dreyer vorschlägt, dass ein König dieses Namens in Grab U-j bestattet war - dass dieses von ihm gegründete Gut natürlich die Hauptmenge für die Grabausstattung lieferte. Auch die noch existierenden Anlagen seiner Vorgänger waren jeweils in geringerem Maße beteiligt.

Es gab auch andere Namen, einfache Namen, die ebenfalls mit Tierzeichen geschrieben wurden:

  1. Fingerschnecke
  2. Hund
  3. Löwe
  4. Fisch
  5. Stierkopf
  6. Storch
  7. Elefant u. a.

- vielleicht die Mitglieder einer königlichen Dynastie, die sogar die Ägypter später vergaßen oder der sie sich nur vage als Halbgötter erinnerten. 

Mittlerweile gelang es Dreyer der 0. Dynastie 15 Könige zuzuweisen. Oft ist den Namenszeichen ein Baum oder eine buschartige Pflanze oder manchmal auch ein Rechteck mit Unterteilung, wahrscheinlich " s " beigefügt. Es handelt sich dabei sehr wahrscheinlich um Herkunftsvermerke mit dem Namen von Wirtschaftseinheiten und zwar überwiegend Gütern, die nach dem Muster " s " (Baumgarten oder Residenz) bzw. Pflanzung der NN ( Name des Königs, der die Anlage gründete - " Pflanzung des Skorpions") zu lesen ist.

Drei Kammern der Magazine, die zum Teil der Grobkeramik (Teller und Biergefäße) vorbehalten waren, dienten zur Aufbewahrung von aus Palästina importierten Weingefäßen, von denen sich noch etwa 200 aufgestapelt in situ fanden. Insgesamt dürfte das Grab mit etwa 700 übereinandergeschichteten, importierten kanaanitischen Wein-Gefäßen in drei Kammern, d. h. mit ca. 4500 Liter  süßen und geharzten Wein ausgestattet gewesen sein, der aus verschiedenen Regionen des palästinischen Raumes stammte. Diese Gefäße wurden "ausschließlich" für den Export von Wein nach Ägypten produziert, was auf einen gut etablierten Handel hinweist. Der einzigartige Charakter und die Menge deuten auf Handelsbeziehungen hin, die man für diese Zeit nicht erwartet hätte.

Dieser Wein wurde von der Elite Ägyptens hoch geschätzt, bevor man etwa 300 Jahre später begann, selbst Wein anzubauen.

Weitere Funde waren in einer anderen Kammer Reste von Zedernholzkisten, in denen vermutlich Stoffe und andere wertvolle Gegenstände gelagert waren. Hier fanden sich über 100 kleine Anhängetäfelchen aus Elfenbein bzw. Knochen mit eingeritzten Vermerken, die zur Registrierung von Menge und Herkunft der Waren dienten.

Offensichtlich waren aber auch andere Teile der Grabausstattung von einer Behörde kontrolliert worden. Auf einigen ägyptischen Gefäßen fand man Herkunftsvermerke mit Tinte verzeichnet. Auch die importierten Weingefäße wurden versiegelt ins Grab gestellt. Keines der Bein- und Elfenbeintäfelchen ist größer als 2 bis 3 cm im Quadrat. Beschriftet waren sie mit Hieroglyphen. Jedes der Täfelchen ist an einer Ecke durchbohrt und war anscheinend ursprünglich an Stoffen befestigt, die sich in Holzkästen befanden.  Die Täfelchen mit Einritzungen von 1 - 4 Zeichen dürften ebenso wie die Gefäßaufschriften als Herkunftsvermerke zu verstehen sein. Erstaunlicherweise sind die Zeichen auf den Täfelchen keine primitiven Hieroglyphen, sondern voll ausgereifte Darstellungen. Zudem sind auf den Täfelchen die Zahlen Eins bis Vier eingraviert, welches beweist, dass die Ägypter die Schrift in Ägypten früher kannten als bisher angenommen. Durch diese Täfelchen ist bezeugt, dass ein entwickeltes Schriftsystem schon über 100 Jahre früher existierte, als man angenommen hatte. Die Etiketten und Tintenaufschriften sind die bisher frühesten Schriftzeugnisse, die wir aus Ägypten kennen.

Zweifelsfrei zeigen die Größe der Grabanlage und das in der Grabkammer gefundene Heka-Zepter und die Anzahl der Beigaben überhaupt, dass hier ein bedeutender Herrscher seiner Zeit bestattet worden ist.

Schriftzeugnisse aus Grab U - j :

( nach " Begegnung mit der Vergangenheit - 100 Jahre in Ägypten " / Text nach Günther Dreyer ) 

Die Funde aus dem abydenischen Grab U-j - insgesamt etwa 125 Tongefäße bzw. Fragmente mit Tintenaufschriften und ca. 160 kleineren Täfelchen zum Anhängen aus Knochen und Elfenbei mit eingeritzten Zeichen bilden die wichtigsten Quellen in der prädynastischen Zeit für die Entwicklung der Schrift. Die Tintenaufschriften finden sich ausschließlich auf sogenannte Wellenhenkelgefäße, die Fette und Öl enthalten.

Wellenhenkelgefäße mit Tintenaufschriften  Grab U - j 

Die Tintenaufschriften bestehen aus 1 - 2 großformatige Zeichen - meistens aus einem Baum bzw. einer Pflanze und einem Tier ( Skorpion, Fisch, Fingerschnecke). Die unterschiedlichen Aufschriften können sich nicht auf den Inhalt beziehen, da die Gefäße alle den gleichen Inhalt hatten. Wenn man die Erklärung mit Parallelen aus späterer Zeit vergleicht, bieten sich hier Herkunftsvermerke von Wirtschaftsgütern an. Das Zeichen des Baums würde dann für den Begriff " Plantage" stehen, das Tier dann für den König, der diese Anlage begründet hat. Das am häufigsten genannte Gut, die "Plantage des Skorpion" wurde dann vom Grabeigentümer, dem König Skorpion I. selbst gegründet und lieferte die Hauptmenge der Beigaben. Von den noch existierenden Wirtschaftsanlagen der Vorgänger (Fingerschnecke, Fisch, Elefant, Canide u. a.) stammen dann nur geringe Lieferungen.

Die Aufschriften nennen ebenso wie Etiketten, die Herkunft der mit Öl gefüllten Gefäße.

Aufschrift: Skorpion und Baum 
= Plantage des (Königs) "Skorpion"

Aufschrift: Fisch und Baum
= Plantage des (Königs) "Fisch"

Eine andere Zeichengruppe ist demnach in ähnlicher Weise zu verstehen. Sie zeigt einen Skorpion über einem mehrfach unterteilten Rechteck. Es könnte ein bewässertes Ackerland darstellen. Es handelt sich hierbei aber nicht um irgendein Landgut, sondern - wie aus späteren belegten Bezeichnungen hervorgeht - um die Residenz des Königs. Diese war ebenso primär eine Wirtschaftsanlage.

Skorpion auf Rechteck 
- bewässertes Land -
= " Residenz des ( Königs )"Skorpion"

Diese Zeichen sieht man sonst nur noch auf den Täfelchen zusammen mit einem Falken. Man kann daraus evtl. schließen, dass der Nachfolger von König Skorpion den Namen "Falke" trug. Lieferungen aus der Wirtschaftsanlage des Königs konnten nur vom Grabherrn selber bzw. seinem Nachfolger stammen, der zur Zeit der Bestattung ja schon im Amt war und für die Ausstattung des Grabes Sorge trug.

Überwiegend wurden die nur 1,5 cm x 2,0 cm großen Täfelchen in der südwestlichen Kammer des Grabes gefunden. Sie enthielt als einzigste keine Keramik, sondern diente wahrscheinlich nur zur Aufnahme von besonderen Grabbeigaben in Zedernholzkisten und anderen Behältern, wie z. B. Beuteln oder Steingefäße. Sie weisen immer eine kleine Durchbohrungen auf und waren offenbar als Etiketten an den Behältern bzw. einzelnen Objekten befestigt. Wahrscheinlich markierten sie Stoffgrößen und Getreidemengen, da sie auf einer ganzen Reihe nur Zahlen enthielten.

Wie bei den Gefäßaufschriften kommt bei anderen Täfelchen verschiedentlich die Zeichengruppe Baum / Pflanze und Tier ( Elefant, Canide) vor, die sich als Herkunftsangabe von Plantagen weiterer Vorgänger des Skorpion, wie der König Elefant und Canide erklären lassen.

( Der obere Artikel setzt sich größtenteils aus den Ergebnissen der Nachuntersuchungen in Umm el Qaab / Abydos des DAIK unter der Leitung von Günter Dreyer zusammen.)

( Co-Autor: J. H. Pirzer)

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